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Tatort Leinwand - Eine Reise mit den Augen

Autor/in:
Kunsthaus Zürich (Hrsg.) 
Übersetzung:
 
Verlag:
Benteli 
Publiziert:
2003 
ISBN:
3-7165-1321-0 
Seiten:
51 S. 
Schlagwörter:
Kunst | Wahrnehmung | Museum 

Rezension

Einen ähnlichen Weg geht “Tatort Leinwand – Eine Reise mit den Augen” vom Kunsthaus Zürich für “Kinder und jung gebliebene Erwachsene”. Auch dieses Buch bietet eine Reihe von Einzelbildbetrachtungen, die jeweils auf einer Doppelseite – rechts das Kunstwerk, links locker der Text – entfaltet werden. Die Grafik ist noch eine Spur reduzierter und frischer. Grosszügige Leerräume, ein breiter Satzspiegel signalisieren, dass es hier ums langsame Lesen, Schauen, Innehalten geht.
Das Buch folgt einer raffinierten Erzählstruktur mit fünf Leitthemen: Dinge, Räume, Natur, Tiere, Geschichten. Es schreitet von den Dingen zu den Geschichten fort, zunächst mit einer Reihe älterer, gegenständlicher Werke: vom Stillleben aus dem 17. Jahrhundert zum Drachenkampf. In der Buchmitte gibt es ein Kapitel, das sich den Menschen und besonders dem Künstler (und sogar einer Künstlerin) zuwendet und einen kleinen Ausflug ins Handwerk macht.
Von der Buchmitte aus geht es dann rückwärts “von den Geschichten zu den Dingen” – aber dieses Mal mit lauter abstrakten Werken. Der Clou: Das erste Bild (ein Früchtestillleben) und das letzte Bild (eine Blumen-Collage von Meret Oppenheim) werden miteinander kurzgeschlossen. Denn neben dem Bild des Früchtestilllebens ist links briefmarkengross das Werk Oppenheims abgebildet. Ist man hinten bei Oppenheim angelangt, sieht man links klein das Früchtestillleben. Auf diese Weise wird durch das ganze Buch hindurch ältere und neuere Kunst miteinander verzahnt. Der Bruch zwischen der Gegenständlichkeit und der Abstraktion, der oft Verständnisprobleme aufwirft, wird so hervorgehoben und zugleich ein Stück weit überbrückt. Das Buch ist ein kleiner Parcours durch die Kunstgeschichte. Es kommt aber ganz ohne Etiketten und Stilschubladen aus. Offenbar geht es nicht darum, Bilder stur zuzuordnen, sondern sie durchs Erkennen von Differenzen oder Ähnlichkeiten genauer zu charakterisieren.
Ähnlich subtil und durchdacht wie die Gliederung sind die Texte. Noch stärker als beim ZKM-Buch wird die direkte Ansprache gewählt. Sorgfältige Bildbeschreibungen verleiten zum Hinschauen. Etwa bei Robert Zünd: “Wir können mit unseren Augen dem Weg entlang in das Bild hineingehen. Eine Frau mit einem Kind kommt uns entgegen.” Es folgen Fragen, die vom Sujet wegführen: “Was denkst du, wie lange brauchte der Maler Robert Zünd, bis er jede Blume in der Wiese und jeden einzelnen Getreidehalm gemalt hatte?” Das sind Fragen, die mit einem Hinweis auf die Machart des Bildes aufgelöst werden. Selbst die problematischen Seiten der Kunst des Heimatmalers werden geschickt eingeführt: “(Robert Zünd) interessierte sich mehr für alte Bauernhöfe und ruhige Landschaften als für das, was in seiner Zeit modern war.” Das kann Stoff für weitere Gespräche bieten: Warum hat er so gemalt? Warum haben ihn Bauernhöfe mehr interessiert als Fabriken? So werden die Bilder weder verstellt noch kaputtinterpretiert. Es geht darum, sich (allein oder gemeinsam) in ein Bild zu vertiefen. Die Botschaft der Texte ist: Es braucht zur Auseinandersetzung mit Kunst kein Experten-Geheimwissen, sondern vielmehr Mut und Neugierde, sich auf sie einzulassen.
BARBARA BASTING

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