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Wäre ich eine Schlange, könnte ich in eine andere Haut schlüpfen

Autor/in:
Annette Lory 
Übersetzung:
 
Verlag:
SJW 
Publiziert:
2017 
ISBN:
978-3-7269-0121-9 
Seiten:
40 
Schlagwörter:
Gewalt in der Familie | Scheidung | Wahrnehmung | Eltern und Kinder 

Rezension

Über Leilas Familie hängen dunkle Gewitterwolken, und wenn es kracht, wird es richtig laut. Dann geht Leila in ihr Zimmer und singt «Dr Sidi Abdel Assar», um die Stimmen ihrer Eltern zu übertönen. «Erst wenn ich Mama weinen höre, kann ich aufatmen.»
Durch die nüchterne Erzählstimme einer Neunjährigen berichtet die Zürcher Autorin und Sozialarbeiterin Annette Lory in ihrem mit dem Baarer Raben ausgezeichneten Büchlein von streitenden Eltern und häuslicher Gewalt. In Leilas Vorstellung haben ihre Eltern bloss vergessen, wie «das mit der Liebe» geht, das Frauenhaus erscheint ihr als eine Art Hotel, und der gewalttätige Vater ist einfach der Papa, der sich manchmal nicht zusammennehmen kann. Eindrücklich und realistisch zugleich schildert Leila aber auch die vage Angst, zu Hause könnte «das Schlimmste» passieren, wenn sie beim Grossvater übernachtet, und erzählt, wie sie mit ihrer Mutter gelernt hat, die Launen des Vaters zu lesen.
Leilas Angst, mit dieser Familiensituation nicht normal zu sein, oder gar die Schuld dafür zu tragen, wird deutlich. Bittersüss ist für das Kind die Trennung der Eltern, die die gemeinsamen Familienausflüge in die Erinnerung verbannt, die Hoffnung auf ein Geschwisterchen verpuffen lässt, aber dafür endlich den Krach zum Verstummen bringt.
Es ist ein schwerwiegendes Thema, das Lory auf 40 Seiten kondensiert. Doch der fein erzählten Geschichte gelingt es, auf Dramatik zu verzichten, ohne an Eindringlichkeit zu verlieren, und die Gefühle der Protagonistin in den Mittelpunkt zu stellen, ohne das Verhalten der Eltern vereinfachend oder anklagend darzustellen. Es ist keine einfache Zeit, die Leila durchmacht, doch sie endet mit der tröstlichen Aussicht, dass beide Eltern sie immer noch gleich lieben und nun andere, bessere Zeiten kommen können.

Fabienne Saurer
Buch&Maus 2/18, S.31

82 Einträge 11 - 20

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