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Fangirl

Autor/in:
Rainbow Rowell 
Übersetzung:
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. 
Verlag:
Hanser 
Publiziert:
2017 
ISBN:
978-3-446-25700-9- 
Seiten:
480 
Schlagwörter:
Liebe, erste | Literatur | Mädchen, fantasievolle | Buch im Buch | Identitätssuche 

Rezension

Wer heute auf dem Fan Fiction-Portal «Archive of Our Own» nach «Simon Snow» sucht, erhält über 1500 Treffer für Texte, in denen sich junge und ältere Fans neue Geschichten mit diesem Helden ausdenken. «Literarischer Diebstahl» nennt Professor Piper, Caths Dozentin für literarisches Schreiben, im Roman «Fangirl» diese Art, sich eine literarische Welt und ihre Figuren zu Eigen zu machen.
Mit grossem Erfolg schreibt Cath, die eben neu aufs College gekommen ist, Fan Fiction zu «Simon Snow», einer Serie um einen Zauberschüler der (fiktiven) Autorin Gemma T. Leslie. Es ist für Cath auch eine Möglichkeit, sich der für sie schwierigen Lebensrealität zu entziehen: Zum ersten Mal ist die introvertierte Cath auf sich alleine gestellt, weil ihre Zwillingsschwester am College ihr eigenes Leben führen möchte, zuhause gleitet der Vater in eine Depression. Mit Müesli­riegel und Laptop setzt sich Cath erst einmal aufs Bett und befriedigt den Lesedurst ihrer Follower. Doch auf die Dauer muss Cath sich den Menschen aussetzen – auch der Kritik der Literaturprofessorin, die Cath dazu anhält, eigene Welten zu erschaffen.
Geschickt verwebt Autorin Rainbow Rowell die Erlebnisse von Cath – humorvolle Dialoge und Herzschmerz inbegriffen – mit Zitaten aus Gemma T. Leslies Simon Snow-Büchern und Caths Fan Fiction. Und sie lässt auf diese Weise nachvollziehen, wie Cath sich nach und nach ihre eigene Lebensgeschichte erschreibt.
Die US-amerikanische Autorin treibt die Sache aber noch weiter. Nicht nur erfindet sie für «Fangirl» eine Buchserie plus das zugehörige Fandom, nein, sie kann diesen fantastischen Helden nicht loslassen und schreibt gleich auch noch eine eigene Version eines letzten Bandes dieser fiktiven Serie: «Aufstieg und Fall des aussergewöhnlichen Simon Snow». Beide Romane lesen sich auch ohne Kenntnis des jeweils anderen mit viel Vergnügen, zusammen aber sind sie eine Echo­kammer der intertextuellen Bezüge.
Denn was Rainbow Rowell hier macht, ist eine respektvolle Persiflage auf Harry Potter, die noch dazu viele Elemente aus Fan Fiction aufnimmt, etwa die homoerotische Beziehung zwischen dem Held und seinem Erzrivalen, wie sie Harry und Draco gerne angedichtet wird. Jedes Motiv und jede Wendung in «Simon Snow» ist eine Auseinandersetzung mit Harry und all den anderen Auserwählten der Kinderliteratur. Sei sie rein humoristischer Art, wenn die schlaue Penny, anders als Hermine, nicht bei jeder Frage in die Bibliothek eilt, sondern einwirft, die Sache vielleicht mal zu googeln. Oder sie wird philosophisch und kritisch, wenn nämlich Simon schlussendlich nicht der Prophezeiung entspricht, um sein Glück zu finden, oder seine Freundin Agatha sich bewusst gegen den Todesmut und für das Davonlaufen vor den Abenteuern entscheidet.
Sowohl in «Fangirl» als auch in «Simon Snow» macht der spritzig-witzige Schreibstil der Autorin süchtig und ihre Fähigkeiten, Figuren mit viel Empathie bis ins Detail nachzuzeichnen, die sie schon in «Eleanor&Park» gezeigt hat, bleiben bewundernswert. Ein so kundiger und niemals platter Umgang mit Intertextualität ist keineswegs «Diebstahl», wie es Professor Piper bezeichnet. Und dass «Simon Snow» inzwischen in der realen Welt die Grundlage für ein eigenes Fandom mit seinen Weiterdichtungen bildet, ist nur eine logische Weiterführung dieses höchst vergnüglichen Spiels mit der Metafiktionalität.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/17, S. 34

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