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Easygoing

Autor/in:
Jenny Jägerfeld 
Übersetzung:
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. 
Verlag:
Hanser 
Publiziert:
2016 
ISBN:
978-3-446-25298-1- 
Seiten:
318 
Schlagwörter:
Armut | lesbische Identität | Mädchen, starke | ADHS 

Rezension

Mit Joannas Leben geht es schon länger «immer nur steil bergab. Bei Gegenwind.» Dass Geld nicht glücklich mache, hat sie gehört; dass die Abwesenheit von Geld «verdammt verzweifelt» macht aber spürt sie, im Gegensatz zu den «poor little rich kids» ihres Gymnasiums, täglich am eige­nen Leib. Seit der Vater mit Depressionen vor dem Fernseher hockt und die Mutter sich ins fünfte erfolglose Romanprojekt verbissen hat, lebt die Familie unter dem Existenzminimum, weshalb sich Joanna im winterlichen Stockholm weder warme Kleider noch das Medikament leisten kann, das sie so dringend braucht: Ritalin. Als sie sich dann auch noch Hals über Kopf in die unkonventionelle Audrey verliebt – «Sie hatte ein gestörtes Sozialverhalten und war schön wie eine verdammte Gewitternacht» –, lässt sich Joanna auf eine halsbrecherische Aktion ein, um an Geld und Medikamente zu kommen.
Mit Joanna hat Jenny Jägerfeld eine Ich-Erzählerin geschaffen, die einen auf be­rauschende, süch­tig ma­chende Weise an der Welt, ihrer Schönheit, Scheuss­lichkeit, Ungerechtigkeit und Überfülle teilhaben lässt. Im Text wird ADHS nie romantisiert: Der «überdrehte Vergnügungspark» in Joannas Kopf, die fünfzig Sender, die dort gleich­zeitig laufen, und der Overload an Gefühlen, der sie gern synchron zum Weinen und zum Kotzen bringt, vereiteln wiederholt Joannas Versuche, ein «stil­volles» Leben zu führen. Wut, Frust und Traurigkeit darüber schleudert sie, ketten­rauchend und unzensiert fluchend, auf so authentische Weise aufs Papier, dass die Gefühle zwischen den Zeilen und über den Text hinaus weiterbrodeln. Und doch sind es Joannas überbordender Gefühlsreich­tum, ihr scharfer Blick für das Bizarre, Schöne und Abgründige, ihre überstei­ger­te Vitalität und ihre fast schmerz­haft intensiven Sinneswahrnehmungen, die so viel Lust darauf machen, die Welt immer wieder neu zu sehen, zu erleben und, wie Joanna, auf den Kopf zu stellen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/16, S. 36

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