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Monis Jahr

Autor/in:
Kirsten Boie 
Übersetzung:
 
Verlag:
Oetinger 
Publiziert:
2003 
ISBN:
3-7891-3153-9 
Seiten:
255 S. 
Schlagwörter:
Mütter, allein erziehende | Zeitgeschichte | Deutschland | Grossmutter 

Rezension

Deutschland, 1955: Mit Mutter und Grossmutter lebt die zehn Jahre alte Monika in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Hamburg. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. “Mein Vati, das ist ja eigentlich der grosse Junge mit der Strähne”, sagt sie und meint damit das Foto, das zu Hause auf dem Küchenschrank steht.
“Monis Jahr” erzählt von einer Zeit, die noch greifbar nahe scheint, für heutige Jugendliche aber unvorstellbar fern ist. Eine Zeit, in der es noch etwas ganz
Besonderes war, fernzusehen oder ein Gymnasium zu besuchen, Telefon oder Auto zu besitzen. In der “der blonde Hans” im Radio “La Paloma, olé” sang und ein Pferdeschwanz “so was Amerikanisches” war, ein Paar Rollschuhe oder Stelzen Mädchenherzen höher schlagen liessen und leere Jackenärmel und Hosenbeine, in der Mitte hochgefaltet und festgesteckt, ebenso zum Alltag gehörten wie lange Strümpfe, die mit Pfennigstücken oder kleinen Steinchen von Strumpfbändern an Leibchen gehalten wurden.
Monis Vater wird vermisst. “Vermisst kann man immer erzählen, (…) das ist gut und anständig”, findet Moni. Auch wenn Harald, der Flüchtlingsjunge aus den Wellblechhütten gegenüber, sagt: “Gefallen ist besser. (…) Da weiss man Bescheid.” Doch dann verliebt Monis Mama sich in einen anderen Mann. Und Moni fühlt sich hin und her gerissen, zwischen der Loyalität dem unbekannten Vater gegenüber, dem Wunsch, der mal wütenden, mal traurigen Grossmutter, die so herrlich Dithmarscher Platt spricht, so nah zu sein wie bisher und der Mutter doch auch ein bisschen Glück zuzugestehen.
Kirsten Boie, 1950 geboren, gelingt mit “Monis Jahr” ein feines Stimmungsbild jener von Sparsamkeit, Fleiss und Hoffnung bestimmten Jahre, in denen es statt Cornflakes und Nutella zum Frühstück noch Haferflockensuppe und Lebertran gab. Beginnend mit dem Silvesterabend 1954 lässt die Hamburger Autorin ihre Leser exakt zwölf Monate an Monis Leben teilhaben.
Moni schafft die Aufnahmeprüfung zur Oberschule, findet neue Freunde und muss von alten Abschied nehmen. Zeitgeschichtliches – der Staatsbesuch der persischen Kaiserin Soraya, die Bundesrepublik Deutschland erhält wieder volle Souveränität, die letzten Soldaten kehren aus russischer Gefangenschaft zurück – fliesst in die Handlung ein. Letztlich jedoch sind es die vielen, kleinen Alltagsdetails und der treffende Erzählton, in dem Monis Gefühle und Gedanken, ihre Ängste und Unsicherheiten, aber auch kleinen Glücksmomente wiedergegeben werden, die die Atmosphäre jener Zeit nicht nur nachvollziehbar, sondern nachfühlbar macht. Genau so war es wohl, das Leben im Deutschland der Fünfzigerjahre.
ANDREA DUPHORN

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