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Das Glück kommt wie ein Donnerschlag

Autor/in:
Guus Kuijer | Alice Hoogstad 
Übersetzung:
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister. 
Verlag:
Oetinger 
Publiziert:
2003 
ISBN:
3-7891-4015-5 
Seiten:
103 S. 
Schlagwörter:
Erwachsenwerden | Freundschaft | Interkulturalität 

Rezension

12-jährig ist Polleke nun, immer noch ihrem Teddybären Sub sehr zugetan, gleichzeitig aber auf der Schwelle zum Teenager. Wer das Mädchen bereits aus den beiden früheren Bänden kennt („Wir alle für immer zusammen“, 2001, Deutscher Jugendliteraturpreis; „Es gefällt mir auf der Welt, 2002), weiss um Pollekes kompliziertes, für urbane Verhältnisse aber durchaus realistisches Umfeld. In ihrer Schule in Amsterdam sind sie und ihre Freundin Caro die einzigen einheimischen Kinder, die alleinerziehende und sehr temperamentvolle Mutter ist immer noch mit Pollekes Lehrer liiert, der Vater, Herzensbrecher und Junkie, ist zur Bewusstseinserweiterung nach Nepal aufgebrochen – nur die gottesfürchtigen Grosseltern auf dem Lande sind wie eh und je die Felsen in der Brandung von Pollekes turbulentem Alltag. Mit dem fortschreitenden Altern wird auch ihr Liebesleben zunehmend komplizierter: Zuhause in der Stadt liebt sie den Marrokanerjungen Mimun, der aber zunehmend Mühe hat, zu ihr zu stehen und plötzlich mit Pollekes bester Freundin Caro anbandelt; bei ihren Grosseltern auf dem Land interessiert sich plötzlich auch Tom, der Bauernjunge, für das Mädchen. In kurzen Gedichten verarbeitet Polleke jeweils ihre Erlebnisse, so auch, als sie sich dank ihrer Geistesgegenwart aus einer ganz schlimmen Situation retten kann. Wie peinlich ist es ihr aber, der netten, surinamesischen Polizistin gestehen zu müssen, dass der Mann, der sie im Auto entführt hat, ebenfalls aus Surinam stammt – denn eine Rassistin möchte Polleke auf keinen Fall sein...
Pollekes Universum widerspiegelt das gesellschaftliche Umfeld, in dem Kinder heute, mindestens in städtischen Gebieten, aufwachsen. Früh werden sie mit Dingen konfrontiert, die sie eigentlich überfordern, für die sie aber ihre eigenen altersgemässen Erklärungen zusammenbasteln. Das holländische Mädchen ist ein Parade-Beispiel für eine „Heile-Welt“-Geschichte in einer ganz und gar nicht heilen, dafür umso realistischeren Welt. Wie sich der 1942 geborene Autor, der bereits zweimal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, in die Gedankenwelt eines Kindes hineinversetzen kann, ist schlicht grossartig. Polleke mit ihrem grossen Herzen und ihrem Mutterwitz ist in eine Reihe zu stellen mit den klassischen Mädchenfiguren der Kinderliteratur: Pippi, Zora und Heidi.
Einziger Wermutstropfen ist einmal mehr der Buchumschlag. Während die ersten beiden Buchumschläge von Julia Kaergel einheitlich sind und mit ihrem Witz auch den Buchinhalt entsprechen , das kindliche Titelbild von „Das Glück kommt wie Donnerschlag“ findet höchstens bei 8-jährige Erstleser Akzeptanz; die eigentliche Zielgruppe von Mittelstufen-Kindern wird kaum freiwillig danach greifen. Die drei Bände von Guus Kuijer sollten Pflichtlektüre für alle Lehrer und Lehrerinnen sein, Standardwerke in der Lehrerausbildung und zudem Klassenlektüre oder anregender Vorlesestoff für alle 9- bis 13-jährigen Schüler!
MAJA MORES

Rezension 2

Man kann diesen dritten Band der Geschichte von Polleke natürlich auch mit Genuss lesen, ohne die beiden ersten zu kennen: zusammen mit den Vorgängern "Wir alle für immer zusammen“ und "Es gefällt mir auf der Welt“ jedoch ergibt sich eine differenzierte, spannende und einfühlsam erzählte Entwicklungsgeschichte. Im dritten Band wird Polleke, eben zwölf Jahre alt geworden, vom ungestümen Mädchen zu einer pubertierenden Jugendlichen, die auch beginnt, gesellschaftliche und politische Konfliktfelder und Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und zu reflektieren. Die körperliche Veränderung macht ihr Sorge, ein versuchter sexueller Übergriff wirft sie für eine Weile aus der Bahn und die Freundschaft mit Mimun, der aus Marokko stammt, zerbricht endgültig: für seine Landsleute sind holländische Mädchen nur Flittchen. Etwas entspannter wird dagegen das Verhältnis zur Mutter, die Lehrer Walter nun doch heiraten wird, und auch Spiek, Pollekes Vater, der Dealer und "Lebenskünstler“, findet (hoffentlich) zurück ins "normale“ Leben. In Consuelo, die aus Mexiko geflohen ist, nachdem ihr Vater erschossen wurde, findet Polleke nicht nur eine wunderbare neue Freundin, sondern auch ein beunruhigend neues Mass für die Welt. Und da braucht sie dann schon manchmal wieder Sub, den alten Teddy, und die Grosseltern mit ihrer Gelassenheit und den stabilen Ritualen.
VERENA STÖSSINGER

Ein Buchtipp aus "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem 2008 abgeschlossenen Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und des SIKJM. Die rezensierten Bücher zeichnen ein differenziertes Geschlechterbild und zeigen Mädchen und Buben frei von Rollenklischees.

115 Einträge 56 - 65

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