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Die Nacht gehört dem Drachen

Autor/in:
Alexia Casale 
Übersetzung:
Aus dem Englischen von Henning Ahrens 
Verlag:
Carlsen 
Publiziert:
2013 
ISBN:
3-551-58310-2 
Seiten:
320 S. 
Schlagwörter:
Gewalt | Fantastik | Geheimnis 

Rezension

Gäbe es eine Rangliste der schwierigsten Bücher dieses Herbstprogramms – das vor schwierigen Büchern strotzt –, ganz oben müsste sie Alexia Casales Erstling an­füh­ren. Denn dieser Roman tut richtig weh. Wenn auch zunächst vielleicht nicht so sehr wie die abgebrochene Rippe in Evies Bauchhöhle: Bei jeder Bewegung bohrt die sich von innen in ihr Fleisch, bis sie sich nach Jahren endlich traut, ihren Adoptiveltern davon zu erzählen. Sogleich wird der abgesplitterte Knochen entfernt und der Weg wäre frei für eine Zukunft ohne Schmerzen, ohne Angst vor Missbrauch und Gewalt, wie Evie sie jahrelang erfah­ren hat. Wäre. Denn was so lange unter Verschluss bleibt und schmerzt, das lässt sich nicht so leicht entfernen; es entfaltet ein Eigenleben, und so ist das auch mit Evies Rippe. Mit Hilfe ihres sensiblen Onkels Ben schnitzt die 14-Jährige daraus einen Drachen, der nachts zum Leben erwacht.
Drachen haben bekanntlich thera­peu­tische Wirkung: Man denke nur an Daene­rys aus George R. R. Martins «A Game of Thrones» und die drei Drachen, die sich nach dem grossen Feuer auf ihren Schul­tern räkeln. Vom gemobbten, verkauften, vergewaltigten Opfer entwickelt sich Dae­ne­rys zur starken Drachenprinzessin (siehe S. 9). Alexia Casales Heldin hinge­gen bleibt zersplittert, gespalten; Evies Drache führt uns in ihre tiefsten Abgrün­de. Die subtile, auch literarisch bril­lante Mischung aus Psychogramm, Phant­astik und Thriller zeigt, dass Gewalt einen Men­schen für immer zerbrechen kann, selbst wenn er – wie Evie –, die besten Absichten und ein liebendes neues Umfeld hat. So wird Evie zwar stärker, Gewalt aber, die ihr angetan wurde, kann sie letztlich nur mit Gegengewalt begegnen: Weil die Nacht dem Drachen gehört. Auch Jugendliche sollten diese Nacht – lesend! – kennen lernen.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 3/2013, S. 34

95 Einträge 16 - 25

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