Home Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien Logo SIKJM Schweizerisches Institut für Kinder und Jugendmedien

Tote Mädchen lügen nicht

Autor/in:
Jay Asher 
Übersetzung:
Aus dem Amerikanischen von Knut Krüger. 
Verlag:
CBJ 
Publiziert:
2009 
ISBN:
3570160203 
Seiten:
288 S. 
Schlagwörter:
Jungen, sensible | Mädchen, sensible | Selbstmord | Schule/Gruppe 

Rezension

Der amerikanische Autor Jay Asher bringt in seinem Roman “Tote Mädchen lügen nicht” in einer dramatischen Erzählkonstruktion alles zur Sprache, was unter Jugendlichen unausgesprochen bleibt. Eine Versuchsanordnung, die zum Nachdenken und Diskutieren anregt.
Zugegeben: Ein Roman, der sich um die letzten Worte einer jugendlichen Selbstmörderin dreht, ist starker Tobak. Als erwachsene Literaturvermittlerin schluckt man bei der Lektüre des Klappentextes mindestens einmal leer. Jugendliche dagegen, die vom makabren Setting fasziniert sind, haben in dieser Zeit bereits zu lesen begonnen – und hören nicht mehr auf. Tatsächlich liest sich das Buch, als Dialog zwischen der Stimme der toten Hannah auf Kassette und dem sensiblen und klugen Zuhörer Clay gestaltet, spannend wie ein Thriller.
Hannahs Suizid ist weniger eine tragische Tatsache als ein Fluchtpunkt für die – sehr konstruierte – Erzählanlage des Romans. Der Selbstmord hat vor allem die Funktion, den Ausgangspunkt für einen Dialog zu schaffen, der ohne die extremen Voraussetzungen nie hätte stattfinden können. Denn zwischen den Jugendlichen in der Highschool gehen alle möglichen Zeichen hin und her; Blicke, Briefchen und vor allem: Klatsch, Gerüchte, üble Nachrede. Dem Autor Jay Asher, dessen Erstling “Tote Mädchen lügen nicht” in den USA zu einem Bestseller wurde, gelingt es durch die Mehrstimmigkeit seiner Figurenrede, das ständige Murmeln der Gerüchteküche mitschwingen zu lassen.
Hannah leidet darunter, dass KlassenkameradInnen, mit denen sie noch am Tag zuvor fröhlich heisse Schokolade getrunken hat, sie plötzlich schneiden. Oder dass der Junge, der sie so schön geküsst hat im Park, sie am nächsten Tag verrät, indem er ohne Rücksicht auf zart keimende Gefühle vor seinen Freunden mit seiner Eroberung prahlt. Und zwei, drei entscheidende Details dazudichtet. Es dauert nicht lange, und Hannah hat den Ruf, eine Schlampe zu sein, die sich von jedem Jungen in den Büstenhalter greifen lässt. In ihrem puritanischen Umfeld ist sie bald isoliert; Jungen wie Clay, die noch nicht viel Erfahrung mit Mädchen haben, lassen sich von Hannahs Ruf einschüchtern, und Mädchen halten sie für eine arrogante Ziege. Von aussen bemerkt niemand Hannahs Einsamkeit. Auch Clay, der ihr am Ende ihres Lebens doch noch etwas nähergekommen ist, ist schockiert, als er sich auf den 13 Kassetten das ganze angestaute Leid anhört und die vielen Vorwürfe. Vieles hat er aus seiner Sicht ganz anders erlebt und interpretiert.
Jetzt, wo er Hannahs Gedanken kennt, wüsste Clay, was zu tun gewesen wäre; jetzt versteht er, dass viele Zwischenfälle, vordergründig und für sich betrachtet undramatische, sich zu einer lebensbedrohenden Falle verknoten können. Gerade weil die Jugendlichen an Hannahs und Clays Highschool nicht wirklich miteinander reden, gerade weil auch vonseiten der LehrerInnen nicht gern unter der Oberfläche gestochert wird, bietet sich dieser Roman an, um mit Jugendlichen über Ausschlussmechanismen zu diskutieren. Und über die Frage, die sich bei Amokläufen von Jugendlichen jedesmal stellt, die aber auch bei einem Selbstmord, einem Amoklauf gegen sich selbst, berechtigt ist: Warum hat niemand etwas gemerkt? Wie kann man lernen, auf die Zeichen zu achten, solange es noch nicht zu spät ist?
Die Lektüre ist so packend, dass sie sich bestens als Klassenlektüre auf Sekundarstufe eignet, ausserdem spricht sie durch den Dialog zwischen Hannah und Clay beide Geschlechter gleichermassen an – und provoziert mit Sicherheit die unterschiedlichsten Reaktionen. Weil Jay Asher einen knalligen Plot mit subtiler Figurenpsychologie zu verbinden versteht, ist das ein Buch, über das sich ausgiebig streiten lässt.
Christine Lötscher

Rezension 2

Hannah, die – tote – Protagonistin in Jay Ashers Roman, weckt nicht nur Mitleid. Ihr Gebaren als Opfer, das allen anderen die Schuld an seinem Freitod in die Schuhe schiebt, macht manche LeserInnen stinksauer. Es fordert zum Widerspruch, aber letztlich doch auch zum Nachdenken heraus.
Da bist du nun also tot, Hannah Baker, und hast dich vorher mit diesen Tonbändern noch mal so richtig ausgetobt. Die Tonbänder, auf denen du 13 Personen ansprichst, die irgendwie mit deinem Selbstmord zu tun haben. Oder vielleicht auch nicht – aber jedenfalls lässt du sie zunächst einmal in dem Glauben, dass sie dich auf dem Gewissen haben.
Jeder von ihnen soll sich deine Geschichte anhören und dann die Bänder weiterleiten. Eine halbe Tonbandseite hast du jedem “Schuldigen” reserviert. Eine halbe Seite, auf dem du ihm oder ihr erklärst, inwiefern sie dich in deinem Entschluss bestärkt haben – und du freust dich wohl aus dem Jenseits darüber, dass dus allen so richtig gezeigt hast. Nur, dass es jetzt zu spät ist, dafür irgendeine Anerkennung zu ernten. Und mal ehrlich: Von mir würdest du auch keine bekommen. Ich finde nicht eine deiner kleinen Geschichtchen so schlimm, dass sie deinen Entschluss rechtfertigen. Du hast dich an der Schule ausgegrenzt gefühlt? Über dich ist geredet worden? Ein Junge hat dir an den Po gefasst? Dir fehlte positiver Zuspruch? Meine Liebe, zeig mir doch mal den Schüler oder die Schülerin, die nicht irgendwann mit eben diesen Situationen konfrontiert werden, ohne dass sie alles gleich so dramatisieren und ihrem Leben ein Ende bereiten. Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, was dein Tun in denjenigen anrichtet, die du hier so von oben herab behandelst und beschuldigst? Du wusstest, dass wenigstens einer auf deiner Liste dich liebte – hat es dich auch nur annähernd interessiert, dass du mit deinem Tod nicht nur dein eigenes Leben, sondern auch seins zerstörst? Du wirfst den anderen Gedankenlosigkeit vor – aber mal ehrlich: Bist du auch nur einen Deut besser?! Nein! Du bist mit Abstand das egoistischste, zickigste und bescheuertste Gör, das mir seit langem untergekommen ist!
Warum ich mich so sehr über dich ärgere? Weil du eine feige Socke bist! Und weil du – und das finde ich noch unverzeihlicher! – nicht aus akuter Verzweiflung heraus gehandelt hast, sondern eiskalt und kalkuliert. Dein Freitod ist nicht etwa die Reaktion auf einen nicht gehörten Hilfeschrei, auch wenn du das so darzustellen versuchst. Nein, er ist eine hartherzige Abrechnung mit Menschen, die sich nicht deinen Wünschen entsprechend verhalten haben. Und dein Handeln ist für mich deshalb so unverzeihlich, weil du keinem, auch nicht denen, die dich mochten oder gar liebten, die Chance gegeben hast, dich von deinem Entschluss abzubringen. Du bist fein raus, Hannah Baker, denn du bist tot. Aber alle anderen, auch die, die nicht auf deinen Tonbändern auftauchen, die leben noch. Mit ihrer Schuld an deinem Tod, mit ihren Fragen und ihren Selbstvorwürfen.
Und doch ist deine Geschichte, wie Jay Asher sie in “Tote Mädchen lügen nicht” erzählt, eine der spannendsten, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Aus Clays Sicht lernen wir dich kennen, hören deine Aufzeichnungen mit seinen Ohren und leiden mit ihm, wenn ihm die wahren Gründe für deinen Freitod bewusst werden. An Clays Seite lernen wir relevante Stationen deines Lebens kennen, erfahren von Gemeinheiten, die du erdulden musstest, und hören von den Momenten, in denen du wenigstens ein bisschen versucht hast, andere darauf aufmerksam zu machen, was mit dir los ist. Und wenn ich auch unendlich wütend auf dich bin, hat mich dieser fast durchgängig in der zweiten Person geschriebene Roman doch zum Nachdenken gebracht. Er hat mich sensibler für Veränderungen meiner Mitmenschen gemacht und gibt mir Mut, einfach mal nachzufragen, wenn mir etwas merkwürdig erscheint. Ich kann mir gut vorstellen, dass es etlichen anderen LeserInnen ebenso geht – und wenn jeder sich auch nur ein einziges Mal das Herz nimmt, einem Impuls folgend auf einen anderen Menschen zuzugehen, dann hat dieses aussergewöhnliche Buch unglaublich viel bewirkt.
Maren Bonacker

9 Einträge << 1 - 9 >>

Sortiert nach: