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Wintereis

Autor/in:
Peter van Gestel 
Übersetzung:
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. 
Verlag:
Beltz & Gelberg 
Publiziert:
2008 
ISBN:
3407810407 
Seiten:
336 S. 
Schlagwörter:
Freundschaft | Holocaust | Nachkriegszeit 

Rezension

Februar 1947. In Amsterdam herrscht klirrende Kälte. Thomas, dessen Mutter vor einiger Zeit an Typhus gestorben ist, freundet sich mit dem klugen, aus wohlhabendem Hause stammenden Piet Zwaan an, der neu in seiner Klasse ist. Nachdem seine Eltern nicht aus dem Konzentrationslager zurückgekehrt sind, wohnt dieser bei seiner empfindsamen Tante Jos und deren vierzehnjähriger Tochter Bet, in die sich Thomas glühend verliebt. Bald verbindet die drei Jugendlichen darüber hinaus eine tiefe Freundschaft. Als Thomas’ Vater für einige Zeit nach Deutschland muss und Thomas’ Tante Fie sich den Knöchel verstaucht, zieht der Zwölfjährige sogar für einige Wochen in das herrschaftliche Haus in der Weteringschans, in dem häufig so eine bedrückende Atmosphäre herrscht.
Stimmungsvoll und berührend erzählt Peter van Gestel von drei tief erschütterten Jugendlichen, die nach und nach Vertrauen zueinander fassen und einander an ihren innersten Ängsten und Nöten teilhaben lassen. Meisterhaft fängt der niederländische Autor die besondere Atmosphäre jener Nachkriegsjahre ein, vermittelt ein sehr authentisches, lebendiges Bild dieser Zeit.
Getragen von einer warmherzigen Figurenzeichnung und mal überaus humorvollen, dann wieder sehr ruhigen, nachdenklich stimmenden Dialogen, erzählt “Wintereis” von einer kurzen, sehr intensiven gemeinsamen Zeit, die damit endet, dass Zwaan und Bet Amsterdam für einige Zeit verlassen und Zwaan wenig später zu seinem Onkel in die USA auswandert. Die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die – sehr zurückhaltend und mit bewundernswerter Leichtigkeit – auch vom Schicksal der holländischen Juden erzählt.
Andrea Duphorn

Rezension 2

„Schnee von früher, der nicht schmelzen will“ steht als Motto über dem neuen Jugendbuch des holländischen Autors Peter van Gestel. Es führt uns ins Amsterdam nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Winter 1946/47. Auf den Grachten liegt dickes Eis. Die Erwachsenen sind mit mit der Bewältigung der Kriegstraumata beschäftigt, mit dem Besorgen von Nahrung, dem Auftreiben von Kohle und mit Gelegenheitsarbeiten. Und die Kinder müssen selber schauen, wie sie zu Rande kommen. Auch Thomas, Zwaan und Bet. Thomas’ Mutter ist vor einem Jahr an Typhus gestorben, der Junge lebt mit seinem Vater allein. Dieser schreibt in der Nacht und versucht tagsüber Geld zu verdienen, damit sie überleben können.
Zwaan kommt aus einer jüdischen Familie, Bet ist Halbjüdin. Zwaans Eltern und Bets Vater und ganz viele ihrer Verwandten sind von den Nazis ermordet worden, Zwaan überlebte, auf einem Dachboden versteckt. Diese drei Kinder freunden sich an und beginnen zaghaft darüber zu reden, was gewesen ist: Thomas spricht über seine tote Mutter, Zwaan über seine Eltern: »Sie sind ermordet worden, weil sie mehr als zwei jüdische Grosseltern hatten.« Und Bet zeigt Bilder von fröhlich lachenden Menschen, die alle tot sind.
Mit dem Einsetzen von Tauwetter geht dieses kleine Glück zu Ende. Zwan wandert zu seinem Onkel in die USA aus, Thomas zieht für einige Monate mit seinem Vater aufs Land, Bet wird erwachsen. Was nach dem Wintereis bleibt, ist die Erinnerung.
Peter van Gestel lässt Thomas diese Freudschaftsgeschichte aus eisigen Tagen erzählen. Thomas ist altklug, witzig und direkt – und er scheut keine Kraftausdrücke. Er hinterfragt das Verhalten seiner Freunde und der Erwachsenen nicht, er beschreibt es einfach. Das ist eine der ganz grossen Stärken dieses Buches. Man muss diese Drei einfach gern bekommen, in ihrem Versuch, etwas Kindheit zu leben, obwohl sie schon viel mehr wissen, als die Erwachsenen wahrhaben wollen.
Wenn Bet eines von Thomas Ohren berührt, schielt dieser „wie ein Otter vor lauter Glückseligkeit“ – und das Herz der Lesenden wird warm.
Christine Tresch

Ein Buchtipp aus "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem 2008 abgeschlossenen Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und des SIKJM. Die rezensierten Bücher zeichnen ein differenziertes Geschlechterbild und zeigen Mädchen und Buben frei von Rollenklischees.

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