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Die Bücherdiebin

Autor/in:
Markus Zusak 
Übersetzung:
Aus dem australischen Englisch von Alexandra Ernst. 
Verlag:
CBJ 
Publiziert:
2008 
ISBN:
3570132749 
Seiten:
586 S. 
Schlagwörter:
Holocaust | Mädchen, durchsetzungsfähige | 2. Weltkrieg | Buch im Buch 

Rezension

Damit die Schoah für die heutige Generation von Kindern und Jugendlichen nicht zu einem historischen Ereignis unter vielen anderen wird, muss die Nazi-Zeit immer wieder neu erzählt werden. Ein gutes Beispiel, wie es funktionieren kann, ist Markus Zusaks Roman “Die Bücherdiebin”.
75 Jahre ist es her, seit Adolf Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde und Deutschland allmählich auf einen bis heute nicht verwundenen Schrecken hinsteuerte. In deutschen Schulen ist die Zeit nach der Weimarer Republik ein immer wiederkehrendes Thema – und doch kann der Geschichtsunterricht das ganze Grauen offenbar nicht wirklich vermitteln. Nicht umsonst empörten sich jüngst Berichterstattungen über gleichmütige SchülerInnen, die ihr Pausenbrot während der KZ-Besichtigung ausgerechnet in den Gaskammern auspackten. Obwohl noch keine drei Generationen zwischen den unaussprechlichen Ereignissen des Dritten Reiches und der heutigen Zeit liegen, verblassen die Schicksale der ermordeten und überlebenden Juden, geraten die traumatischen Erinnerungen heutiger Gross- und Urgrosseltern in eine traurige Vergessenheit.
Der Australier Markus Zusak, selbst erst knapp dreissig Jahre alt, hörte genau zu, als seine deutschen Grosseltern ihm vom Krieg erzählten. Für ihn sind die historischen Fakten ebenso wenig vergessen wie einzelne Schicksale. Obwohl er am anderen Ende der Welt aufwuchs, ist ihm die deutsche Vergangenheit näher als manchem Jugendlichen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. In seinem packenden Roman “Die Bücherdiebin” fasst er die Erzählungen seiner Familie zusammen und gibt so wenigstens ein paar wenigen der geschätzten 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges ein Gesicht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Liesel. Liesel, die Bücherdiebin.
Sie ist gerade zehn Jahre alt, als ihre Mutter sie in den Süden zur Familie Hubermann bringt, die ihr fortan Mama und Papa ersetzen soll. Den Grund kann Liesel nicht verstehen – das Wort “Kommunist”, das immer wieder fällt, ist ihr fremd. Sie versteht auch nicht, warum ihr sechsjähriger Bruder auf dem Weg in ihr neues Zuhause sterben musste. Die einzige Erinnerung, die ihr an ihre “alte” Familie bleibt, ist das Handbuch des Totengräbers, der ihren Bruder auf einem eingeschneiten Friedhof bestattete. Er verlor es, sie steckte es ein. Eine Verbindung zu ihrem bisherigen Leben, ein Motor, der ihr helfen wird, voranzukommen. Lesen zu lernen. Zu denken. Sie akzeptiert Hans Hubermann als neuen Vater, erkennt schliesslich auch im rauen Verhalten seiner Frau so etwas wie Liebe. Sie schweigt, als eines Nachts ein Jude, der junge Max, in ihrem neuen Zuhause auftaucht, obwohl er sie zunächst ängstigt. Instinktiv begreift sie, was gut und böse ist, auf wessen Seite man sich stellen sollte, wenn man seine Würde nicht verlieren will.
Interessanterweise ist es nicht Liesel selbst, die in Zusaks Buch zu Wort kommt. Es ist der Tod, der die Geschichte der Bücherdiebin erzählt, weil er bei ihrem Anblick weich geworden ist. Durch ihn kann Zusak ohne allzugrosses Pathos erzählen. Der Tod steht über den Ereignissen. Er ist in Stalingrad, an der französischen Küste, in den “Duschen” der Konzentrationslager und in den ausgebombten Strassen gleichzeitig und damit der ideale “allwissende Erzähler”. Die Zärtlichkeit, mit der er die abertausend Seelen empfängt, sie von Ängsten und Qualen befreit, ist dabei ebenso anrührend wie seine unvernünftige Zuneigung zu Liesel.
Trotz seiner fast sechshundert Seiten streift der Jugendroman “Die Bücherdiebin” die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nur gerade so eben. Ein Mädchen. Ein Junge. Ein Jude. Ein Nazi. Ein paar, die sich nicht unterwerfen wollen und sich dem Führer mal mit mehr, mal mit weniger Geschick entziehen. Gleichzeitig holt das Buch Vergangenes hautnah heran, macht das wieder lebendig, was sich Jugendliche heute kaum mehr vorstellen können. Was ihnen jedoch hilft, Geschichte zu fühlen, zu begreifen. Und was sie vielleicht davon abhalten wird, Brötchen kauend durch Gaskammern zu spazieren.
Maren Bonacker

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