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Fäuste

Autor/in:
Pietro Grossi 
Übersetzung:
Aus dem Italienischen von Olaf Roth. 
Verlag:
List 
Publiziert:
2007 
ISBN:
9783548680774 
Seiten:
192 S. 
Schlagwörter:
Erwachsenwerden | Kindheit | Selbstfindung | Abschied und Neubeginn 

Rezension

Er war der perfekte Sohn: „fleissig, langweilig, ohne irgendwelche Flausen im Kopf, gehorsam; ich ging zeitig ins Bett, und wenn’s sein musste, sagte ich auch noch brav ein Gebet auf. (…) Ich war der disziplinierteste Sohn der Welt. Ich war so diszipliniert, dass ich mich beinahe schon in Luft auflöste.“ Bis der schlaksige Musterknabe das Boxen für sich entdeckt und revoltiert. Eine Woche lang spricht er kein Wort, lernt nicht, setzt sich nicht mehr ans Klavier… Dann hat er es geschafft. Er darf boxen – vorausgesetzt, er tritt zu keinem Wettkampf an. „Sechs Monate später tanzte ich schon im Ring wie eine Ballerina (…). Es war nicht zu leugnen: Obwohl ich absolut nicht den Körper eines Boxers hatte, schien ich dafür geboren zu sein (…) Und seit ich trainierte, spielte ich auch besser Klavier. Sogar Beethoven, der alte Sack, fing an, mit zu gefallen.“
In Italien hat das literarische Debüt von Pietro Grossis eine wahre Euphorie ausgelöst. Von Lesern und Kritik gleichermassen gefeiert, wurde „Fäuste“ sogar für den begehrtesten Literaturpreis des Landes, den Premio Strega, nominiert. Das Buch enthält drei völlig unabhängige Erzählungen um sechs junge Männer, die lediglich die grundlegende Thematik von Freundschaft und Erwachsenwerden verbindet und von Situationen erzählen, in denen sich für die Protagonisten – Rivalen im Ring, ungleiche Brüder, Freunde aus Kindertagen – Weichen für die Zukunft gestellt haben.
In „Boxen“, der ersten Erzählung, der das Buch des jungen Florentiners wohl auch seinen Titel verdankt, ist dies der entscheidende Kampf zwischen zwei überaus talentierten Sportlern. In „Pferde“ bekommen zwei ungleiche Brüder von ihrem Vater jeweils ein Pferd geschenkt. „Es war sofort allen klar, dass die Pferde die beiden Jungen an unterschiedliche Orte bringen würden. Wir können uns noch so sehr einreden, wir seien alle gleich, jeder biegt sich die Welt zu seinen Gunsten zurecht, um schliesslich dort anzukommen, wo es ihm vorherbestimmt ist.“ Während Daniel schon bald ein zweites Pferd im Stall stehen hat, zieht es Nathan immer häufiger in die nahe gelegene Grossstadt. „Der Affe“ schliesslich erzählt von einem jungen Mann, der seinen ehemals besten Freund besucht, weil dieser sich seit einiger Zeit für einen Affen hält. „Er grunzt so komisch und schlägt sich mit der Hand auf die Stirn. Ausserdem kauert er am Boden und spielt mit Pistazienschalen.“ Am Ende dreht Nico sich um und fährt in die Stadt zurück, in der er jetzt lebt, lässt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist – und damit auch seine Kindheit endgültig hinter sich, ohne den (geistes)kranken Freund ein zweites Mal besucht zu haben.
Drei poetische Erzählungen, die in einer beeindruckend klaren, einfachen Sprache vom Beginn neuer Lebensphasen erzählen und dem Aufbruch in ein erwachsen(er)es, eigenverantwortlicheres Leben.
Andrea Duphorn

Ein Buchtipp aus "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem 2008 abgeschlossenen Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und des SIKJM. Die rezensierten Bücher zeichnen ein differenziertes Geschlechterbild und zeigen Mädchen und Buben frei von Rollenklischees.

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