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Tamara und die Liebe

Autor/in:
Bruno Blume 
Übersetzung:
 
Verlag:
Altberliner 
Publiziert:
2005 
ISBN:
3-8339-6660-2 
Seiten:
135 S. 
Schlagwörter:
Familienformen | Freundschaft | Liebe, erste 

Rezension

„Warum muss das so kompliziert sein“, überlegt sich Tamara: „Da hab ich nun einen Freund und einen Verliebten, denkt sie, und bin trotzdem nicht richtig froh.“ Seit sie sich erinnern kann, ist sie nämlich mit Tom befreundet, der im gleichen Haus wohnt. Und die beiden mögen sich, obwohl sie ganz unterschiedliche Temperamente haben und auch ihre Familienverhältnisse schwer zu vergleichen sind: Der schüchterne Tom lebt allein mit seiner Mutter, die ihn bewacht und behütet, wogegen die kesse, fussballverrückte Tamara einen pubertierenden Bruder und liebevolle Eltern hat, die sogar, wenn sie beim Beischlaf gestört werden, diskussionsbereit sind. Jetzt aber hat sich die Neunjährige in ihren Mitschüler Ehab verliebt. Der sanfte „Araber“, dessen Mutter mit ihrer Freundin zusammenlebt, löst beunruhigende Gefühle in ihr aus und grundsätzliche Fragen nach dem Wesen der Liebe, ihren Formen und Gesten. Doch die etwas frühreif wirkende Tamara findet den Mut, Freundschaft und Verliebtheit souverän auszuleben; Bruno Blumes Text ist mutig in der Ausfaltung seines Themas, direkt, nachvollziehbar und sensibel, wenn auch gelegentlich programmatisch: Die Figuren wirken etwas flach und die Problematik wird öfter diskutiert als erzählerisch umgesetzt.
Verena Stössinger

Ein Buchtipp aus "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem 2008 abgeschlossenen Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und des SIKJM. Die rezensierten Bücher zeichnen ein differenziertes Geschlechterbild und zeigen Mädchen und Buben frei von Rollenklischees.

Rezension 2

Was machen, wenn man neun Jahre alt ist, zum ersten Mal im Leben verliebt und diese Liebe erst noch erwidert wird? Küssen kann sich Tamara vorstellen, und dann? So wie ihr älterer Bruder mit der Freundin rumschmusen geht (noch) nicht. Und wie verhält es sich zwischen Verliebtsein und Freundschaft? Kann Tamara Ehab gern haben und den ängstlichen Tom trotzdem als besten Freund behalten? Tamaras Vater weiss Rat: “Mach’s einfach, wie’s für dich schön ist. Achte nicht darauf, was andere für richtig halten.”
Tamara hat noch ihre Kuscheltiere im Bett und ist froh, wenn nachts die Tür einen Spalt offen bleibt, ihre Sorgen teilt sie aber mit Teenagern. Dass der bei Weimar lebende Schweizer Autor und Kritiker Bruno Blume mit “Tamara und die Liebe” eine ernsthafte Erste-Liebe-Geschichte in der Vorpubertät ansetzt, lohnt allein schon die Lektüre.
Er stellt Tamara eine ideale Familie zur Seite, in der die Eltern sich auf jedes Gesprächsthema einlassen und selbst der 14-jährige Bruder am Tisch noch über alles redet. Tamara ist eine starke Persönlichkeit mit viel Selbstvertrauen und Witz. Ihr kauft man nicht nur die Irrungen und Wirrungen ihres Herzens ab, sondern auch ihre Durchsetzungsfähigkeit auf dem Fussballplatz und ihre Schlagfertigkeit dem Querulanten Damian gegenüber, der es immer wieder schafft, ihren Freund Tom zu verunsichern. Mit Ehab hat Tamara einen Freund, der für seine ebenfalls erst neun Jahre schon erstaunlich reif ist.
Bücher, die etwas Neues aufgreifen, dürfen auch Schwächen haben. Bruno Blumes Text lässt wenig Leerstellen offen, und die Figuren rund um Tamara sind mehr Platzhalter einer Idee als glaubhafte Charaktere: Da ist die selbstständige Mutter, die zu Hause arbeitet und immer Zeit hat für ihre Kinder; die allein erziehende überforderte Nachbarin mit dem ängstlichen, feingliedrigen Tom; die sympathische Assistenzärztin aus Marokko, die mit ihren fünf Kindern und der Geliebten zusammenlebt.
Wie es um den Sommer und Herbst dieser Liebesgeschichte steht, bleibt (noch) offen. In einem Jahr soll die Fortsetzung der Geschichte erscheinen.
Christine Tresch

Rezension 3

Die Liebe vor der Pubertät hat ihre Tücken, zumindest was die Literatur angeht. Neun-, zehn-, elfjährige Kinder wie Tamara in Bruno Blumes Kinderroman “Tamara und die Liebe” sitzen noch bequem im familiären Nest und haben noch nicht den Drang, auszubrechen und eine Beziehung ausserhalb der Familie zu leben. Kommt dazu, dass der Übergang zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung fliessend ist.
Bruno Blume Tamara weiss haargenau, dass sie verliebt ist, aber sie kann sich nicht so recht freuen darüber. Erstens, weil sie neben ihrem “Verliebten” Ehab noch einen besten Freund hat, Tom, und den möchte sie nicht verlieren. Und zweitens, weil sie sich vor den Dingen fürchtet, von denen sie glaubt, dass man sie mit dem Verliebten tun muss. Woher sie das weiss? Ihr Bruder und seine Freundin bieten ausgezeichneten Beobachtungsstoff. Auch ihre Eltern sind in Sachen Sex vorbildlich unverklemmt, wie die ganze Familie einem Erziehungsratgeber für das 21. Jahrhundert entsprungen scheint: Als Tamara sie einmal im Bett überrascht, wechseln sie von einer Sekunde zur anderen vom wilden Liebesspiel zum verständnisvollen Zuhören – ein ideales (Eltern-)Paar kann das. Das klingt nach Komik, ist aber nicht nur so gemeint, denn Bruno Blume ist es mit seiner Vision der freizügigen, gleichberechtigten Familie ernst. Das wäre ja auch ganz schön, wenn es nicht so missionarisch daherkäme.
Bruno Blume zeichnet ein normatives Bild von Familie, Liebe, Freundschaft und Sex: Kinder wie Tamara und Ehab (seine Mutter hat fünf Kinder und lebt jetzt mit einer Frau zusammen) sind sozial kompetent, während Tom, dessen Mutter sich als Alleinerziehende abstrampelt, hilflos und unglücklich ist – und Tamara um ihr Glück beneidet: “Ihre Mutter ist wie eine Freundin zu ihr, sie können über alles reden und sie verbietet ihr fast nichts. Wenn er eine solche Mutter hätte, würde er auch gern machen, was sie sagt. Aber seine arbeitet den ganzen Tag und ist abends so geschafft, dass sie nicht mehr reden mag.”
Es gibt viele Arten des Zusammenlebens und viele Möglichkeiten, glücklich zu sein. Es ist schön, dass es Kinder wie Tamara gibt, die das Leben selbstbewusst anpacken, und es ist schön, dass es verträumte, schüchterne Kinder wie Tom gibt. Zu behaupten, die Erziehung der Eltern schlage sich eins zu eins auf den Charakter der Kinder und ihre Beziehungsfähigkeit nieder, geht jedoch weit an der Realität vorbei.
Christine Lötscher

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