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Das Notizbuch des Zeichners

Autor/in:
Mohieddin Ellabbad 
Übersetzung:
Aus dem Ägyptischen von Burgi Roos. 
Verlag:
Orell Füssli 
Publiziert:
2002 
ISBN:
3-7152-0473-7 
Seiten:
30 S. 
Schlagwörter:
Anderssein | Interkulturalität | Kultur | Integration | Toleranz | Naher Osten 

Rezension

Greift man zum «Notizbuch des Zeichners» von Mohieddin Ellabbad, geht das Verwirrspiel schon los: Wohl hat der Leser-Betrachter, wie er es gewohnt ist, ein Buch in Händen. Doch wo ist wohl der Einstieg? Nimmt man Mohieddin Ellabbads Buch, wie in der westlichen Kultur gewohnt, mit dem Bund nach links in die Hände, stösst man auf einen praktisch leeren Buchumschlag. Die international bekannten Verkehrszeichen «Einbahnstrasse» und «Umleitung» signalisieren, dass hier andere Regeln herrschen als die in unserem Kulturkreis allseits bekannten. Wende ich das Buch, bin ich endlich dort, wo ich von Anfang an hin wollte: am Buchanfang. Schon der Umschlag zeigt mir, dass mich zwei verschiedene Welten und Zeichensysteme erwarten: jeweils in arabischer und lateinischer Schrift sind Autor und Titel aufgeführt – sogar die Strassenbahn, die zur Fahrt durchs Buch einlädt, ist mit beiden Zeichensystemen beschriftet.
Die spannenden Collagen des ägyptischen Graphikers Mohieddin Ellabbad versammeln Bildmaterial aus der östlichen und der westlichen Welt, aus heutiger und aus vergangener Zeit. Dadurch ist auf der Bildebene jede der beiden Kulturen mit ihr Fremdem konfrontiert. Ist der Leser-Betrachter ein ägyptisches Kind, sind die Bilder aus Europa «fremd», handelt es sich um ein Kind aus dem westlichen Kulturkreis, sind die Bilder aus dem arabischen Raum «fremd» – jedes Kind, jeder Leser-Betrachter überhaupt, entdeckt zugleich mit dem Eigenen Fremdes resp. mit dem Fremden immer auch Eigenes. Hinzu kommt, dass auf einer zweiten Bild- und Textebene «Fremdes» und «Fremdsein» als historisch bedingt thematisiert und erklärt werden. Den Text in arabischer Schrift hat Mohieddin Ellabbad, entsprechend der Tradition der arabischen Kalligraphie, direkt in die Collage integriert. Dem Kinderbuchfonds Baobab, der die Herausgabe des Buches in deutscher Sprache betreute, sei ein spezielles Kränzchen dafür gewunden, dass die originale Bild-Text-Collage, die als Ganzes den grossen Reiz des Buches ausmacht, quasi als Faksimile erhalten blieb. Die Übersetzung in deutscher Sprache ist als schmale separate Spalte jeweils am Rand des Blattes eingedruckt, so dass auch die deutschsprachigen Leserinnen und Leser, die die arabische Sprache nicht beherrschen, ohne Mühe dem Erzähler bei seinen Kindheitserinnerungen und seinen Reflexionen über das Wesen und die Bedeutung der Imagination, der Bilder sowie von Sprache und Schrift folgen können. Mohieddin Ellabbad ist es meisterhaft gelungen, auf kleinstem Raum zu zeigen, dass Kulturen wohl verschieden sein können, dass sich in menschlichem Fühlen, Denken und Streben aber unendlich viele Gemeinsamkeiten manifestieren und spiegeln. Das bescheiden als "Das Notizbuch des Zeichners" betitelte Werk will Brücken zwischen Kulturen schlagen helfen und erweist sich beim genauen Hinsehen als Manifest für gegenseitiges Verständnis und Toleranz.
RUTH FASSBIND-EIGENHEER

Rezension 2

Es ist aufgemacht wie ein grosses, altes Notizbuch, mit grünschwarz marmoriertem Papier, verstärkten Ecken und eingefasstem Rücken. Aber drinnen sind keine Bleistiftkritzeleien, sondern farbenprächtige Bilder, und man liest es nicht von vorn nach hinten, sondern der arabischen Tradition entsprechend von rechts nach links. „Das Notizbuch des Zeichners“ des Ägypters Mohieddin Ellabbad ist ein Bilderbuch. Aber was für ein Bilderbuch! Jede Seite fesselt das Auge, jede Seite entwickelt einen Sog, der den Betrachter, die Betrachterin in die Darstellung hineinzieht und eine Fülle von Inhalten entdecken lässt. Die Fantasie entzündet sich zum Beispiel an der Kombination einer antiken Heldendarstellung mit dem Bild Supermans, an der expressiven Zeichnung eines Strassenbahnfahrers oder an der Gegenüberstellung einer Ferienpostkarte vom Genfersee mit einer schwarzweissen ägyptischen Ansichtskarte um die Jahrhundertwende, die einen alten Baumbestand hinter einer Parkmauer zeigt. Ihren ästhetischen Reiz beziehen die Bilder auch aus dem Zusammenspiel von Zeichnung oder Collage mit dekorativer arabischer Schrift. Der Text – der Kommentar des Zeichners – ist in den Marginalien in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Die Summe der Seiten zeichnet anhand von Andenken, Erinnerungen und Reflexionen den Weg eines Jungen nach bis zum erwachsenen Mann und Illustrator, Schriftsteller und Buchhersteller, der Ellabbad heute ist. „Das Notizbuch des Zeichners“ ist ein Fund und ein Glücksfall – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
CHRISTINE HOLLIGER

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