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Der Zauberling

Autor/in:
Binette Schroeder 
Übersetzung:
 
Verlag:
NordSüd 
Publiziert:
2014 
ISBN:
978-3-314-10243-1 
Seiten:
32 
Schlagwörter:
Märchen | Zaubern | Magie 

Rezension

Zwei Bilderbücher, grundverschieden und doch frappant gleichwertig im Oeuvre der beiden Illustratorinnen: Eher eine Revue als eine zwingende Geschichte; ein Handlungskonzept, das erlaubt, die eigene Bilderwelt auf ureigenste Art auszugestalten.
Käthi Bhend entwickelt ihre Bildfolge ausgehend vom letzten Märchen in der Sammlung der Brüder Grimm «Der goldene Schlüssel», deshalb auch der Titel­zusatz «Nr. 2». Und deshalb schauen auch Jacob und Wilhelm Grimm aus den Säulenkapitelen auf das Geschehen. Mit Bedacht hat Bhend dieses Märchen gewählt, das im Kern das Geschichtenerfinden zum Thema hat. Es ist eine Geschichte, die uns hineinzieht und hinhält.
Bhend spricht von einer «kleinen, alten Frau» und porträtiert dabei sich selbst. Die Frau geht, begleitet von «ihrer grossen, grauen Katze», die Sonne suchen. So wie der Knabe im Grimmschen Märchen das Zauberkästchen nicht ganz öffnet und damit die Spannung hält, so gibt die Illustratorin nur einen flüchtigen Blick in ihre Fantasien frei – und zeigt uns trotz linearer Abfolge eine verästelte Erzählkulisse. Bhend selbst wird jedes Detail begründen und erklären können. Wir aber tappen durch den Nebel, kommen in herbstliche Kulissen, folgen der von Frau Flora jung gezauberten «kleinen Frau» und können, wenn wir den geheimnisvoll unbestimm­ten Bildtext einfach wirken lassen, Vexierbilder, versteckte Gesichter und magische Konstellationen geniessen. Eine Idee, und schon entwickelt sich die Geschichte aus sich heraus, lebt von der Belesenheit der Künstlerin und erzählt – de facto textfrei – auch dann viel, wenn man nicht jedes Symbol zu deuten weiss. Kaum zufällig für die Illustratorin, die sich immer wieder mit Robert Walser beschäftigte, kommt ihr Alter Ego aus dem Abseits und verschwindet zum Schluss dahin.
Auch Binette Schroeder mobilisiert Märchenelemente wie Rotkäppchen und Wolf. Und auch der Zauberlehrling hat, selbst wenn er auf seinem Besen durch die Lüfte surft statt fliegt, einen berühmten Vorfahren. Aber der alte Zauberer ist kein gestrenger Lehrmeister wie bei Goethe, sondern ein gütiger Opa, mit einem Auge zwinkernd und mit bequemen Turnschuhen an den alten Füssen. Dass Schroeder da eine Hommage an ihren «Apapa» malt, macht sie in der Widmung transparent. Auch sonst dient der unerlaubte Ausflug-Flug des Jungen dazu, das Können der Künstlerin zu entfalten. Metamorphosen gehören zu ihren bevorzugten Themen. Und seit ihr Froschkönig (1989) sich vor unseren Augen, Phase um Phase und doch im Nu verwandelte, hat sie nie mehr so verspielt inszenierte Bewegungs- und Verwandlungsabläufe gemalt. So alt­meis­terlich einzelne Bildelemente sind, so machen die Leichtigkeit und das visualisierte Tempo, die pastelligen Speedlines und die typographischen Eskapaden das Märchen doch zu einem medial modernen, ja postmodernen Bil­der­buch. Es verlässt sich aber auch darauf, dass das Wünschen hilft, und zeigt damit klar, aus welchem Fundus Schroeders Welt schöpft. Wenn zudem eine berstende Eierschale (hier ein Drachenei) ihren Auftritt hat, ist das nicht nur eine Reminiszenz aus der englischen Kinderliteratur, sondern auch ein Selbstzitat, denn Hump­ty Dumpty ist längst ein Leitmotiv der Künstlerin.
Zwei eigenwillige Panoramen also, von den Künstlerinnen erdacht, um Kunst und Können auszubreiten; zwei Bildwelten, in denen Kinder und KennerInnen nach eigener Lust herumspazieren und staunen mögen.

Hans Ten Doornkaat
Buch&Maus 1/15, S. 26

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