Kira-Kira

 

Autor/in: Cynthia Kadohata
Übersetzung:   Aus dem Amerikanischen von Uwe Michael Gutschhahn.
Verlag:   Gerstenberg
Publiziert:     2007
Preis:   Fr. 25.90
ISBN:   978-3-8369-5140-1
Seiten:   221 S.

Schlagwörter:   Geschwister | Eltern und Tochter | Gerechtigkeit | Arbeit | Krankheit

Rezension
Mit Katies Krankheit schlüpft die zehnjährige Lynn in die Rolle der „Grossen“. Sie schaut zum kleinen Bruder, pflegt Katie, kocht und macht den Haushalt, weil ihre Eltern nur fürs Schlafen von der Fabrik nach Hause kommen. Wenn Katie im Spital ist, müssen Lynn und ihr kleiner Bruder mit in die Fabrik. Dort erfährt sie, unter welchen unwürdigen Umständen ihre Eltern arbeiten. Ihrer Mutter ist es zum Beispiel nicht erlaubt, aufs Klo zu gehen. Sie trägt während der Arbeit Windeln.
Cynthia Kadohata lässt Lynn die Monate vor dem Tod von Katie aus der Rückblende erzählen. Mit Hilfe des Tagebuchs ihrer Schwester erinnert sich Lynn an die tiefe Zuneigung zu ihrer Schwester, an die verzweifelte Hoffnung der Familie, dass Katie gesund wird. Sie zeigt einen Vater, der wie ein Fels in der Brandung steht und die zerbrechliche Mutter und die Kinder beschützt. Kadohata gelingt ein Familienporträt, wie es wenig ähnliche gibt. Und sie stellt ihren Kampf in einen gesellschaftlichen Zusammenhang: Die Mutter wird am Ende der Gewerkschaft beitreten, die gegen den Geflügelfabrikbesitzer kämpft. Der Vater, der aus Wut darüber, dass sein kleiner Sohn auf dem Gelände des Fabrikbesitzers in eine Tierfalle getreten ist, demoliert dessen Auto und stellt sich später. Er verliert seine Arbeit, nicht aber Stolz und Ehre. Und Lynn ist in Katies Fussstapfen getreten, schreibt und wenn sie den Nachthimmel schaut, sagt sie „kira-kira“. Das heisst „funkelnd“ auf Japanisch und war das erste Wort, dass ihr Katie beibrachte.
Christine Tresch


Ein Buchtipp aus "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich (ehemals Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Zürich) und des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM).

Rezension
Katie und Lynn würden staunen, wenn sie heute all die Sushi essenden und Manga lesenden Westler sähen. Denn in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die beiden japanischstämmigen Schwestern in Georgia aufwuchsen, war das Leben für die Japaner im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unvorstellbar hart und einsam. Unter menschenverachtenden Bedingungen arbeiteten Mutter und Vater in einem Geflügelzuchtbetrieb; die beiden Mädchen wurden in der Schule einfach ignoriert – sogar Lynn, die eine ausgezeichnete Schülerin war.
Davon erzählt Cynthia Kadohata in ihrem sensiblen, witzigen, manchmal fast skurrilen Roman eher beiläufig, und doch entsteht ein eindrückliches Bild der US-amerikanischen Südstaatengesellschaft zu jener Zeit.
Der schon fast betörende Zauber dieses Buches geht aber von der Art aus, wie Kadohata die Beziehung der Schwestern beschreibt. Zwischen den Kulturen ganz auf sich gestellt, erfinden sich Katie und Lynn ihre eigene Welt. Man muss nur die Dinge, die “kira-kira”, glänzend, sind, entdecken – das bringt die kluge Lynn der kleinen Schwester bei; ein Wissen, das Katie gebrauchen kann, als Lynn krank wird und nach einer langen Leidenszeit stirbt. Jetzt ist es Katies Aufgabe zu sehen, wo das Leben, trotz allem, “kira-kira” ist. Als humorvolle Geschichtenerzählerin tritt Katie am Ende aus dem Schatten ihrer brillanten Schwester heraus, bewahrt ihr Andenken und gibt der in Trauer aufgelösten Familie neue Hoffnung.
Christine Lötscher