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Anna rennt

 

Autor/in: Elisabeth Zöller
Übersetzung:  
Verlag:   Gabriel
Publiziert:     2000
Preis:   CHF 24.50
ISBN:   3-5223-0010-6
Seiten:   120 S.

Schlagwörter:   Tod | Fremdenfeindlichkeit | Streit | Gewalt unter Jugendlichen | Mädchen, mutige

Rezension
Ein aussergewöhnliches Thema: Tod, genauer Totschlag, auf dem Schulhof. Es für Jugendliche zu literarisieren heisst, die «Schuld und Sühne»-Problematik verinnerlicht zu haben. Und da muss sich die Autorin Elisabeth Zöller ziemlich abrackern, um diese bewegende Geschichte glaubwürdig herüberzubringen.
Breslau, 1953. Anna ist Quinta-Schülerin, die einzige Zeugin von dem Geschehen in der Pause. Wieder einmal haben Georg und Helmut etwas auszufechten. Wie immer ist Georg der Starke und Angesehene, Helmut als Flüchtlingskind hingegen arm und verachtet. Muss er sich deshalb «Wollhosenscheisser» gefallen lassen? Sind Flüchtlinge wirklich «Maden im Speck»?
Lange steckt Helmut vieles weg, doch eines Tages will er es dem Georg zeigen. Und so kommt es zu dem folgenschweren Streit hinten in der Ecke des Schulhofes, wo schliesslich Helmut reglos am Boden liegt. Dass die kindlichen Gehässigkeiten so dramatisch enden, ist nicht vorherzusehen. Auch für Anna nicht, die sich schon die ganze Zeit Gedanken macht um den gewalttätigen Umgang in der Klasse. Weil also nur Anna gesehen hat, wie Georg noch kräftig nach Helmuts Kopf tritt, muss sie die ganze Last der Wahrheit tragen: «Sie ist mit den Worten so allein».
Und so liegt die Tragik des Buches weniger im Hass der «besseren» Gesellschaft auf die «minderen» Mitmenschen, als vielmehr auf dem sorglos-feigen Verhalten der Erwachsenen allgemein. Lehrer, Eltern, ja sogar die Väter von Täter und Opfer, Rechtsgelehrte beide, geben ein Bild zum Schämen ab. Von ihrer Seite kommen Sprüche wie: Wahrheit ist biegsam, nur ja nicht auffallen, sondern sich raushalten, schäm dich für deine Gefühle… Anna merkt, dass sie rennen muss, bis die Wahrheit klar heraus ist.
Mir scheint, Elisabeth Zöller möchte mit ihrem Buch den Erwachsenen den Spiegel vorhalten und den Jugendlichen unbedingten Mut lehren, hellwach gegenüber vermeintlich legitimierten Reden zu sein. Stilistisch hat die Autorin in kurzatmiger Sprache Unruhe und Unbehagen der Protagonistin trefflich eingefangen. Der Leser fühlt sich dadurch in Annas Befinden eingebunden – wenngleich «Anna rennt» natürlich nicht «Lola rennt» ist.
CLAUDIA THEINER