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Aufklärung für Kinder

 

Autor/in: Walter Benjamin
Übersetzung:  
Verlag:   Hoffmann und Campe
Publiziert:     2004
Preis:   CHF 28.90
ISBN:   3-4553-0343-9
Seiten:   2 CDs 114 Min.

Schlagwörter:  

Rezension
“Habt ihr schon mal beim Apotheker warten müssen und zugeschaut, wie der ein Rezept macht? Auf einer Waage mit ganz feinen Gewichten wiegt er Gramm für Gramm oder Zehntel für Zehntel all die Stoffe und Stäubchen ab, die das fertige Pulver ausmachen. So wie dem Apotheker geht es mir, wenn ich euch im Radio etwas erzähle. Meine Gewichte sind die Minuten. Und ganz genau muss ich abwiegen, wie viel von dem, wie viel von jenem, damit die Mischung auch richtig wird.”
So altmodisch beginnt die Doppel-CD mit Texten, die Walter Benjamin Ende der Zwanziger-, Anfang der Dreissigerjahre für die “Stunde der Jugend” des Südwestdeutschen Rundfunks geschrieben hat. 29 Kinder-Sendungen sind in dieser Zeit entstanden. Der Wortlaut der Beiträge war lange verschollen, erst 1985 sind sie erstmals veröffentlicht worden unter dem Titel “Aufklärung für Kinder”. Der Journalist Harald Wieser hat nun sechs Sendungen ausgewählt und aufgenommen, über E.T.A Hoffmann und Kaspar Hauser, über die Bastille und den Untergang Pompejis, über hilfreiche Hunde und Zigeuner. Walter Benjamin sprach nur sehr abschätzig über seinen Brotjob beim Radio. Dennoch: Die Texte haben ihre Leuchtkraft bis heute behalten.
Wie hier aus Miniaturen Wundersames entsteht, wie es Benjamin immer wieder gelingt, Beobachtung mit Beschreibung zu verquicken, in einem Detail, in einem Augenblick das ganze Leben aufscheinen zu lassen, das ist nicht anders als in seinen Hauptwerken für erwachsene LeserInnen.
Wenn nun in diesem Frühling die deutsche Integrationsbeauftragte Marieluise Beck in einem Schreiben den Verlag Hoffmann und Campe aufforderte, die CD vom Markt zu nehmen, ist das mehr als eine Posse. Stein des Anstosses für das Integrationsamt war der Beitrag “Die Zigeuner”. Er enthalte eine “quasi mythische Darstellung der Situation von so genannten ‘Zigeunern’ in der Zeit Benjamins” und sei geeignet, Stereotype und Vorurteile eher zu betonen, als zu hinterfragen. Offenbar hat das Integrationsbüro noch nie vom Philosophen Walter Benjamin gehört, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis über die Pyrenäen das Leben genommen hat und dessen Werk zum Zentrum des aufgeklärten Denkens im 20. Jahrhundert geworden ist.
CHRISTINE TRESCH