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Alles Lüge oder Wer liest schon fremde Tagebücher

 

Autor/in: Heidi Linde
Übersetzung:   Aus dem Norwegischen von Maike Dörries.
Verlag:   Dressler
Publiziert:     2007
Preis:   Fr. 21.90
ISBN:   978-3-7915-1208-2
Seiten:   175 S.

Schlagwörter:   Patchworkfamilie | Selbstbestimmung | Eifersucht

Rezension
„Alles ist anders“ dieses Jahr, und Annika freut sich überhaupt nicht auf die Sommerferien. Mamas Freund Frederik hat die beiden nämlich auf seinen „Landsitz“ am Meer eingeladen, und seine Tochter Erle wird auch da sein. Erle ist hübsch, modebewusst, verwöhnt und verachtet Annika, die noch mit Anziehpuppen spielt und deren Mutter „nur“ Coiffeuse ist. Die Konflikte zwischen den „Halbschwestern“ lassen denn auch nicht auf sich warten, obwohl bald deutlich wird, wie haltlos die kesse Erle im Grunde ist, wie vergeblich sie um die Liebe ihrer Mutter buhlt und wie dünn der wirtschaftliche Boden, auf dem sich der galante und grosszügige Frederik bewegt. Annika entdeckt, dass Erle ihr Tagebuch liest, und versucht, sie mit gezielten Lügen zu manipulieren; das gelingt zunächst auch, doch die Folgen gleiten ihr bald aus der Hand. Die elfjährige Annika lernt in diesem Sommer eine Menge über Schein und Sein, Wahrheit und Lüge, Geld, Macht und Verführbarkeit; die Autorin macht diesen Prozess berührend nachvollziehbar und verschafft Annika und ihrer Mama zum Schluss doch Recht – denn nach Frederiks Entlassung aus der „privaten Wirtschaft“ zeigt sich, dass Nähe, Verständnis und Authentizität im Leben wichtiger sind als der Versuch, sich möglichst eindrucksvoll zu inszenieren.
Verena Stössinger


Ein Buchtipp aus "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich (ehemals Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Zürich) und des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM).

Rezension
Dass Mama einen Freund hat, findet Annika vielleicht nicht ganz wunderbar, aber doch noch irgendwie erträglich – wenn sich Mama seinetwegen nur nicht so fremd und gekünstelt benehmen würde. Wenn da nur nicht Erle wäre, Fredriks eingebildete, sonnengebräunte, superblonde Tochter, zwei Jahre älter als die elfjährige Annika und der neuen Familiensituation gegenüber alles andere als aufgeschlossen. Jetzt sind Sommerferien und Annikas Mama und Erles Papa planen einen richtigen Familienurlaub in Fredriks Ferienhaus – das sich als wahrer Landsitz herausstellt. Ein bisschen zu protzig, findet Annika, die am liebsten allein mit ihrer Mama im winzigen Wohnwagen losgezogen wäre, so wie sonst auch immer. Doch Mama scheint alles an ihrem alten Leben nicht mehr gut zu finden, freundet sich viel zu vertraulich mit Erle an und kocht plötzlich Dinge, deren Namen Annika vorher nicht mal kannte. Dabei lässt Erle doch keine Gelegenheit aus, Annika spüren zu lassen, wie blöd und uninteressant sie sie findet. Nicht einmal vor Annikas Tagebuch hat sie Respekt. Als diese das herausfindet, plant sie bittere Rache. Sie vertraut dem Tagebuch die verlogensten Dinge an – dass Mama einen Tumor habe, nur hinter Fredriks Geld her sei und der Junge, in den Erle verliebt ist, eine Freundin habe. Lügen aus Notwehr, quasi, doch bald stellt sich heraus, dass Annika nicht die Einzige ist, die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.
Heidi Linde schreibt mit “Alles Lüge” einen (trotz der Lügen) etwas braven Patchworkfamilien-Roman, in dem sich nach einem Eclat an Erles Geburtstag schnell alles zum Guten wendet und alle Beteiligten erkennen, dass sie miteinander doch besser dran sind als allein. Für geübte LeserInnen vielleicht ein bisschen zu zahm und vorhersehbar.
Maren Bonacker